Zwischen Disruption und Möglichkeit: Die Zukunft der Arbeit bis 2030
Die Arbeitswelt steht vor einem fundamentalen Wandel. Was bislang als schleichender Strukturwandel erschien, nimmt nun klare Konturen an: Automatisierung, künstliche Intelligenz, ökologische Transformation und geopolitische Verschiebungen verändern nicht nur einzelne Berufe, sondern das System Arbeit als Ganzes. Der aktuelle Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums bietet erstmals einen datengestützten Ausblick auf die Entwicklungen bis 2030 – und die Zahlen sind ebenso eindrucksvoll wie herausfordernd.
Der Bericht basiert auf einer groß angelegten Erhebung unter über 1.000 Unternehmen weltweit, die zusammen mehr als 14 Millionen Beschäftigte in 27 Branchen repräsentieren. Ergänzt wurde die Analyse durch Partnerdaten von Coursera, ADP, LinkedIn und Indeed. Das Ergebnis: Eine Zukunft, in der technologische Disruption, grüne Transformation und demografischer Wandel ineinandergreifen – und das Verständnis von Arbeit grundlegend neu verhandelt wird.
KI als Beschleuniger und Verstärker
Der technologische Wandel, allen voran durch generative KI, gilt als wichtigster Treiber der Transformation. 86 % der befragten Unternehmen erwarten, dass GenAI ihre Arbeitsprozesse tiefgreifend verändert. Auch Robotik, autonome Systeme und neue Energietechnologien gelten als strukturell prägend. Diese Technologien stehen dabei nicht nur für neue Jobs – sie sind zugleich der Hauptgrund für den Rückgang vieler traditioneller Tätigkeiten, vor allem im administrativen Bereich.
Gleichzeitig nehmen wirtschaftliche Unsicherheiten wie die steigenden Lebenshaltungskosten und eine globale Konjunkturabkühlung Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Auch die ökologische Transformation gewinnt an Bedeutung: Fast die Hälfte der Unternehmen sieht Klimaschutz und -anpassung als zukunftsentscheidende Faktoren – mit direkten Auswirkungen auf Berufsbilder, Kompetenzen und Anforderungen.
Netto-Wachstum trotz Stellenabbau
Trotz der prognostizierten Disruption bleibt der Grundton des Berichts optimistisch. Bis 2030 werden weltweit 170 Millionen neue Jobs entstehen, gleichzeitig jedoch 92 Millionen verschwinden. Daraus ergibt sich ein Nettozuwachs von 78 Millionen Stellen – etwa sieben Prozent über dem heutigen Stand. Die größten Wachstumsfelder liegen im Tech-Bereich (z. B. Big Data, KI, Softwareentwicklung), in der Landwirtschaft, in der Pflege und im Bildungswesen.
Die schrumpfenden Berufsbilder hingegen betreffen vor allem Tätigkeiten mit hohem Wiederholungsgrad: Kassierer:innen, Datenbearbeiter:innen, Sekretariats- und Buchhaltungsfunktionen. Was hier schwindet, sind nicht nur Aufgaben – sondern jahrzehntelang stabile Erwerbsbiografien.
Kompetenzen im Wandel
Besonders markant ist der erwartete Wandel der Kompetenzen. Rund 39 % der aktuell gefragten Fähigkeiten werden sich bis 2030 verändern. Kognitive und soziale Kompetenzen rücken dabei in den Vordergrund. Ganz oben auf der Liste: analytisches Denken, Resilienz, Flexibilität, technologische Grundkenntnisse, KI-Kompetenz und Führungsstärke. Neu in den Top 10: Umweltbewusstsein – ein Indikator für die zunehmende Verzahnung von ökologischer und beruflicher Realität.
Gleichzeitig verlieren manuelle Geschicklichkeit, körperliche Ausdauer und sogar klassische Grundfähigkeiten wie Lesen und Rechnen an relativer Bedeutung – nicht, weil sie obsolet wären, sondern weil sie zunehmend durch technische Systeme ergänzt werden können.
GenAI: Werkzeug, nicht Ersatz
Besonders differenziert fällt die Bewertung generativer KI aus. Eine fundierte Analyse von Indeed und OpenAI zeigt, dass rund 69 % der untersuchten Fähigkeiten derzeit nicht durch GenAI ersetzt werden können. Vor allem zwischenmenschliche, kreative und sensorisch-motorische Kompetenzen bleiben KI-resistent. Das bedeutet: GenAI ist weniger eine Bedrohung als vielmehr ein Werkzeug zur Ergänzung menschlicher Arbeit – wenn sie richtig eingesetzt wird.
Strategien für eine neue Arbeitswelt
Die meisten Unternehmen reagieren aktiv auf die absehbaren Umbrüche: 85 % planen Weiterbildungsprogramme, 70 % wollen gezielt neue Fähigkeiten einkaufen. Fast die Hälfte möchte Mitarbeitende mit veralteten Qualifikationen umschulen. Auch der Ruf nach staatlicher Unterstützung wird lauter – insbesondere in der Finanzierung und Bereitstellung von Reskilling-Angeboten.
Doch der Wandel ist nicht nur eine Frage der Skills. Er betrifft auch Kultur, Führung und Identität. So setzen viele Unternehmen verstärkt auf Mitarbeiterwohlbefinden, Diversität und transparente Entwicklungspfade, um in einem zunehmend kompetitiven Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben.
Fazit: Die Zukunft der Arbeit ist verhandelbar
Der Future of Jobs Report 2025 macht deutlich: Wir erleben keinen evolutionären, sondern einen systemischen Wandel. Technologie ist dabei nicht Ursache oder Lösung allein – sie ist Katalysator. Wie wir diesen Wandel gestalten, entscheidet sich jetzt: durch politische Weichenstellungen, unternehmerische Verantwortung und individuelle Lernbereitschaft.
Die Zukunft der Arbeit ist nicht vorherbestimmt – sie ist gestaltbar. Aber nur dann, wenn wir nicht warten, bis sie uns überrollt.