KOF-Studie: Generative KI verändert den Schweizer Arbeitsmarkt
Eine Technologie, die schneller wirkt als jede andere
Die Einführung grosser Sprachmodelle hat die Schweizer Wirtschaft in einem Tempo erreicht, das historische Vergleiche sprengt. Während frühere Technologien Jahre oder gar Jahrzehnte brauchten, um sich im Arbeitsalltag bemerkbar zu machen, zeigen sich bei generativer KI bereits nach rund zwei bis drei Jahren Spuren im Arbeitsmarkt. Die KOF-Studie liefert erstmals eine Evidenz dafür, dass Berufe mit hoher KI-Betroffenheit seit Herbst 2022 stärker unter Druck geraten sind. Die Zahl der Arbeitslosen in diesen Berufsfeldern ist um bis zu 27 Prozent stärker gestiegen als in weniger exponierten Tätigkeiten und die Stellenausschreibungen sind teilweise auf 60 bis 70 Prozent des früheren Niveaus gefallen. Für Unternehmen und Mitarbeitende bedeutet das eine anspruchsvolle, aber zugleich gestaltbare Phase der Neuorientierung.
Eine Trendwende in wissensintensiven Berufen
Die Studie zeigt, dass generative KI besonders jene Berufe trifft, die zuvor als vergleichsweise sicher galten: Software-Entwicklerinnen, Systemanalytiker, Marketingfachkräfte oder Journalistinnen. Im Report wird sichtbar, wie die Arbeitslosigkeit in stark KI-betroffenen Berufen unmittelbar nach der Einführung von ChatGPT vom stabilen Trend der Vorjahre abweicht und sich deutlich von weniger exponierten Berufsfeldern entfernt. Die Zunahme betrifft vor allem die Altersgruppe der 20- bis 49-Jährigen, während ältere Arbeitnehmende vorerst weniger betroffen sind.
Für Unternehmen bedeutet diese Entwicklung eine Verschiebung des Rekrutierungsmarktes. Rollen, die über Jahre schwer zu besetzen waren, sind plötzlich breit verfügbar. Für Mitarbeitende bedeutet sie, dass bisher stabile Karrierepfade neue Risiken enthalten und Fähigkeiten schneller an Wert verlieren können.
Nachfrageeinbruch statt Überangebot:
Wie Unternehmen ihre Personalarbeit neu ausrichten
Im Stellenmarkt zeigt sich ein ebenso klares Bild. Die Inserate für stark KI-exponierte Berufe sinken ab Herbst 2022 markant, während die Gesamtbeschäftigung in der Schweiz ist im gleichen Zeitraum weiter gestiegen ist. Unternehmen reduzieren ihre Nachfrage nach bestimmten Tätigkeiten. Dieser Rückgang trifft zuerst jene, die aktiv nach neuen Stellen suchen, weshalb jüngere Mitarbeitende überdurchschnittlich betroffen sind. Für Unternehmen entsteht daraus ein strategischer Druck: Personalplanung kann nicht länger auf stabilen Berufsprofilen basieren, sondern muss sich an Tätigkeitsbündeln orientieren, die sich dynamisch verändern.
Wenn Aufgaben verschwinden und Rollen neu entstehen
Besonders aufschlussreich ist die Feststellung der Studie, dass die Art der KI-Nutzung oft weniger entscheidend ist als ihre Breite. Berufe, in denen viele unterschiedliche Aufgaben potenziell mit KI erledigt werden können – sei es durch komplette Automatisierung, kollaborative Verfeinerung oder Prüf- und Verbesserungsprozesse – verzeichnen ebenfalls einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Für Unternehmen ist das ein Hinweis darauf, dass generative KI nicht nur einzelne Aufgaben ersetzt, sondern ganze Rollen neu konfiguriert. Für Mitarbeitende bedeutet dies, dass Jobprofile fluider werden und sowohl kognitive Tiefe als auch die Fähigkeit zur Steuerung von KI-Systemen an Bedeutung gewinnen.
Produktivität als Chance – aber nur für jene, die handeln
Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass generative KI nicht nur Risiken erzeugt, sondern auch erhebliche Potenziale für Produktivitätsgewinne bietet. Diese Chancen entstehen jedoch nicht automatisch. Unternehmen, die KI früh und gezielt einsetzen, können Prozesse verschlanken, Entscheidungen beschleunigen und Dienstleistungen neu gestalten. Für Mitarbeitende eröffnen sich Möglichkeiten, Routinearbeit abzugeben und sich stärker auf kreative, koordinierende oder beratende Aufgaben zu konzentrieren. Doch die Geschwindigkeit der Veränderungen birgt die Gefahr, dass jene, die sich nicht aktiv weiterentwickeln, vom Markt abgehängt werden. Weiterbildung wird damit zur Voraussetzung, nicht zur Option.
Der Balanceakt zwischen Stabilität und Wandel
Sowohl Unternehmen als auch Mitarbeitende stehen damit vor einer doppelten Aufgabe. Unternehmen müssen ihre Organisation umbauen, neue Kompetenzprofile entwickeln und die Produktivitätspotenziale der KI konsequent nutzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig gilt es, Mitarbeitende mitzunehmen, Entwicklungswege anzubieten und neue Rollenbilder zu schaffen. Mitarbeitende wiederum müssen bereit sein, ihre Fähigkeiten regelmässig zu aktualisieren, mit KI-Tools zu experimentieren und ihre eigene Rolle im Arbeitsprozess aktiv weiterzuentwickeln. Die Studie zeigt deutlich, dass Untätigkeit für beide Seiten Kosten erzeugt.
Fazit: Die Zukunft gehört denen, die die Veränderung gestalten
Die Ergebnisse der KOF-Studie sind kein Anlass für Alarmismus, aber für Klarheit. Generative KI wirkt – schneller und umfassender, als viele erwartet haben. Der Rückgang der Arbeitsnachfrage in bestimmten Wissensberufen und die Verschiebung der Tätigkeiten werden sichtbar. Gleichzeitig eröffnet die Technologie neue Wege zu mehr Effizienz, Innovation und Rollenvielfalt. Entscheidend wird sein, wie Unternehmen und Mitarbeitende die nächsten Jahre nutzen. Wer Veränderung proaktiv gestaltet, Weiterbildung als strategisches Instrument versteht und KI als Partner statt Konkurrenten betrachtet, wird zu den Gewinnern dieser Transformation gehören. Für alle anderen dürfte der Anpassungsdruck weiter steigen.