KI-Revolution: 15 Thesen und aktuelle Belege (2025)
These 1 – Standort: Die Schweiz ist für die KI-Revolution gut aufgestellt
Innovation Leader: Die Schweiz ist 2025 erneut das innovativste Land Europas. Im Europäischen Innovationsanzeiger 2025 belegt sie zum achten Mal in Folge Platz 1 und erreicht über 125 % der Innovationsleistung des EU-Durchschnitts. Dieses anhaltend hohe Innovationsniveau – getragen durch Spitzenforschung (ETH/EPFL) und Kooperationen – bildet ein solides Fundament für die KI-Revolution.
KI-Strategie in Unternehmen: Zwei von drei Schweizer Firmen haben KI bereits fest in ihre Geschäftsstrategie integriert. Laut Swiss AI Report 2025 verankern 65 % der Schweizer Unternehmen KI in ihrer langfristigen Unternehmensstrategie (aber nur 13 % verfolgen klar messbare KI-Ziele). Diese breite strategische Verankerung zeigt, dass der Standort Schweiz wirtschaftlich auf KI eingestellt ist.
Infrastruktur & Talent: Die Schweiz investiert in weltweit führende KI-Infrastruktur und Talente. Mit der nationalen KI-Initiative wurde 2024 ein Netzwerk von über 800 Forschenden und 70 KI-Professor*innen geschaffen, koordiniert vom Swiss National AI Institute. Herzstück ist der Supercomputer “Alps” – der aktuell leistungsstärkste KI-Rechner der Welt mit 10.000 spezialisierten KI-Prozessoren. Dieses Zusammenspiel aus Top-Forschung, High-End-Computing und Bildung sichert der Schweiz eine hervorragende Ausgangslage.
These 2 – Tempo: Der Einfluss der KI-Entwicklung auf die Arbeit schreitet schneller voran, als wir erwarten
Explosionsartiges Jobwachstum: Die Nachfrage nach KI-Fachkräften ist in wenigen Jahren förmlich explodiert. So hat sich die Zahl der Stellenanzeigen mit KI-Bezug in der Schweiz seit 2018 verzehnfacht (von 2’000 auf 20’000 im Jahr 2024, etwa 1,4 % aller Jobs). Auch die Anzahl der Jobs in Berufen mit hoher KI-Exposition stieg seit 2019 um 442 %. Diese rasante Entwicklung übertrifft frühere Prognosen und verdeutlicht, wie schnell KI den Arbeitsmarkt durchdringt.
„Atemberaubende Geschwindigkeit“: Unternehmensberater beobachten, dass KI die Taktung in Unternehmen erheblich erhöht. „KI verändert die Zeitachsen von Strategien und Projekten mit atemberaubender Geschwindigkeit […]. Unternehmen haben Mühe, mit diesem Tempo Schritt zu halten“, sagt Jean Meneveau von Colombus Consulting Schweiz. Die Anpassungsfähigkeit wird somit ständig herausgefordert – schneller als von vielen erwartet.
Generative KI im Alltag: Die Adoptionsgeschwindigkeit von KI übertraf alle Erwartungen. 2025 nutzt erstmals die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung KI-Tools wie ChatGPT – der Nutzeranteil sprang innert eines Jahres von 40 % auf 60 %. Die Studie Digimonitor spricht von KI als „in Rekordzeit zum Mainstream“ geworden. Dieses beispiellose Tempo, mit dem KI-Technologien Alltag und Arbeit durchdringen, hatte so kaum jemand vorausgesehen.
These 3 – Technologie: Die Verbindung von KI mit Robotik, Blockchain oder Biotech verstärkt die Transformation der Arbeit zusätzlich
Autonome Systeme im Kommen: KI verschmilzt mit Robotik und verändert Branchen: Seit März 2025 dürfen in der Schweiz erstmals autonome Fahrzeuge testweise auf öffentlichen Strassen fahren – möglich dank KI als „Gehirn“ der Fahrzeuge. Dies markiert den Auftakt zu mehr KI-gesteuerter Robotik im Alltag (etwa selbstfahrende Lieferroboter oder autonome Fabriken) und beschleunigt den Wandel von Arbeitsprofilen etwa im Transport- und Logistiksektor.
Blockchain & KI Synergie: Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2025 wurde die enge Verzahnung von KI und Blockchain betont. Blockchain-Technologie kann KI-Systeme abzusichern (Datenintegrität, Vertrauen) und KI wiederum Blockchain-Prozesse effizienter machen. Expert:innen sehen diese Kombination als Gamechanger für viele Branchen – z.B. sichere KI-getriebene Finanztransaktionen oder automatisierte Smart Contracts –, was die Transformation von Geschäftsmodellen weiter vorantreibt.
Branchenübergreifende Wirkung: KI-Einsatz entfaltet seine grösste Kraft in Kombination mit branchenspezifischen Technologien. Ein Beispiel ist die Landwirtschaft: Durch KI-gestützte Präzisionslandwirtschaft (etwa mittels vernetzter Sensorik und Robotik) boomten in der Schweiz KI-nahe Jobs in Agrar und Rohstoffhandel um 800–1800 % seit 2019. Ähnlich wird KI in der Biotech-Forschung eingesetzt, um Medikamentenentwicklung zu beschleunigen. Solche Kombinationen von KI mit Domänentechnologien multiplizieren die Effizienz und schaffen völlig neue Berufsfelder.
These 4 – Betroffenheit: Alle Jobs sind betroffen, nicht nur die administrativen Tätigkeiten
Branchenweit spürbar: Die KI-Revolution erfasst sämtliche Branchen, auch solche, die man früher kaum im KI-Kontext sah. PwC stellt fest: „KI-Revolution beschleunigt sich über alle Branchen hinweg – auch in weniger offensichtlichen wie der Landwirtschaft“. Es gibt keine Branche, die sich dem Einfluss entziehen kann – von High-Tech bis Landwirtschaft nutzen oder spüren alle KI in irgendeiner Form.
Breite Nutzung bei Angestellten: KI-Tools werden von Beschäftigten quer durch alle Funktionen genutzt, nicht nur in Bürojobs. 86 % der Arbeitnehmenden in der Schweiz setzen 2025 KI zumindest gelegentlich im Job ein (ein Plus von 4 % gegenüber Vorjahr). Dabei gehören Textgenerierung, Chatbots, Übersetzung oder Sprachassistenten zu den häufigsten Anwendungsfeldern. Diese Durchdringung zeigt, dass nicht nur klassische „Sachbearbeiter-Aufgaben“, sondern auch kreative, kundennahe oder manuelle Tätigkeiten von KI-Unterstützung beeinflusst werden.
Vorne mit dabei: Kunden und Produktion: KI findet nicht bloss im Backoffice statt. In Schweizer Unternehmen entfallen 77 % der KI-Anwendungen auf kundenorientierte Bereiche (Kundendienst, Marketing, Vertrieb) und 75 % auf Produkt- und Supply-Chain-Themen. Das heisst, KI verändert Interaktionen mit Kunden ebenso wie Fertigungs- und Logistikprozesse. Vom Verkauf über die Pflege bis zur Werkhalle – alle Jobtypen erleben KI-Integration, nicht nur administrative Bürojobs.
These 5 – Arbeitsmarkt: KI wird mehr Jobs kosten, als sie neue generiert
Jobabbau-Befürchtungen: In der Schweizer Belegschaft ist die Angst vor netto schrumpfenden Jobs durch KI weit verbreitet. 70 % der Angestellten glauben, KI werde zu Stellenabbau führen, und 43 % fürchten konkret um ihren eigenen Arbeitsplatz. Diese subjektive Einschätzung deckt sich mit der Zurückhaltung vieler Unternehmen, ihre Belegschaft ohne Anpassungen in die KI-Zukunft zu führen.
Kündigungsbereitschaft der Unternehmen: Etwa 40 % der Unternehmen wären laut Umfragen bereit, wegen KI ihre Mitarbeiterzahl zu reduzieren. Die Hälfte aller Firmen will sich durch KI strategisch neu ausrichten und viele davon planen im Zuge dessen Personalabbau. Dieser hohe Anteil zeigt, dass zahlreiche Führungskräfte kurzfristig eher Einspar- als Wachstumseffekte erwarten, was einen Nettoverlust an Jobs wahrscheinlich macht.
Technologiebedingte Nettoverluste: Prognosen internationaler Organisationen deuten ebenfalls auf schwierige Nettoeffekte hin. Zwar könnten weltweit bis 2030 KI und Digitalisierung unterm Strich mehr Stellen schaffen als vernichten, aber Roboter und Automatisierung allein dürften 4,8 Mio. Jobs kosten. KI und Datenverarbeitung gehören laut World Economic Forum zu den Disruptoren, die nahezu genauso viele Jobs eliminieren wie kreieren. Die Gefahr besteht also, dass ohne flankierende Massnahmen die durch KI verlorenen Arbeitsplätze nicht in gleichem Umfang durch neue ersetzt werden.
These 6 – Produktivität: Die Produktivitätsgewinne durch KI werden um ein Vielfaches grösser sein als jene der Digitalisierung der letzten 20 Jahre
Schub wie seit Jahrzehnten nicht: Studien prophezeien durch KI einen deutlich stärkeren Produktivitätsschub als durch frühere Digitalisierungswellen. PwC etwa beziffert das Potenzial von KI auf eine Steigerung des globalen BIP um bis zu 15 Prozentpunkte in 10 Jahren – ein Wachstumsschub „in der Grössenordnung der industriellen Revolution“. In Westeuropa (inkl. Schweiz) werden ~13,8 % zusätzliches BIP erwartet, sofern KI verantwortungsvoll eingesetzt wird. Zum Vergleich: Solche Grössenordnungen wurden in den letzten 20 Jahren der „klassischen“ Digitalisierung nie erreicht.
Expert:innen rechnen mit starkem Plus: Ökonomische Prognosen zu KI gehen weit auseinander, aber die höchsten Szenarien liegen über +20 % Produktivität in 10 Jahren – deutlich mehr als sämtliche Wachstumsraten der letzten Jahrzehnte. Selbst konservative Schätzungen (0,5 % jährlich) übertreffen oft das magere Produktivitätswachstum der 2010er Jahre. Es mehren sich die Stimmen, dass KI ein neues „goldenes Produktivitätszeitalter“ einläuten könnte, sofern das Potenzial ausgeschöpft wird.
KI als Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts: Unternehmen sehen in KI eine ebenso tiefgreifende Effizienzrevolution wie einst bei Motorisierung oder Internet. McKinsey vergleicht die Wirkung von generativer KI mit der der Dampfmaschine und beziffert das langfristige Produktivitäts-Potenzial allein in Unternehmen auf 4,4 Billionen USD zusätzlich. Dies wäre ein Vielfaches dessen, was frühere Technologien in vergleichbarer Zeitspanne gebracht haben. Zwar sind kurzfristige Effekte noch gering, doch mittel- bis langfristig dürfte KI die Effizienzgewinne der vergangenen 20 Jahre um ein Mehrfaches übertreffen.
These 7 – Chancen: Der Fokus sollte auf neue Möglichkeiten gelegt werden, nicht nur auf Effizienzgewinne
Innovation vor Kostensenkung: Expert:innen mahnen, KI nicht einseitig nur zur Effizienzsteigerung (Kostenreduktion) einzusetzen, sondern als Innovationshebel. „Wenn KI nur Kosten senkt, bleibt Innovation aus“, warnt Chris Koehler, CMO von Twilio. Er plädiert dafür, KI sowohl zur Wachstumssteigerung (personalisierte Kundenerlebnisse, neue datengetriebene Geschäftsmodelle) als auch zur Effizienz zu nutzen und CFO und CMO auf gemeinsame Wachstumsziele einzuschwören. Nur so schöpft man die Chancen voll aus.
Ende der „Piloten“ – ganzheitliche Workflows: Viele Unternehmen erkennen, dass blosses Automatisieren bestehender Abläufe nicht reicht, um das KI-Potenzial zu erreichen. „Die wahre Wertschöpfung entsteht, wenn Unternehmen weitergehen und ihre Workflows End-to-End neu gestalten“, konstatiert eine BCG-Analyse. Rund die Hälfte der Firmen ist daher bereits dabei, jenseits reiner Produktivitäts-Piloten ihre Prozesse grundsätzlich umzubauen („Reshape“ statt nur „Deploy“). Der Fokus verlagert sich auf neue Angebote und Geschäftsmodelle, ermöglicht durch KI statt nur vorhandene Prozesse schneller zu machen.
Vom Wow-Effekt zum echten Mehrwert: Schweizer Studien betonen, dass der initiale Hype in nachhaltigen Nutzen überführt werden muss. „Der anfängliche ‚Wow-Effekt‘ muss in rationale, auf die Geschäftsziele abgestimmte Anwendungsfälle umgewandelt werden“, so das Fazit der Data-&-AI-Observatory-Studie 2025. Nur wer über reine Effizienzgewinne hinausdenkt, hin zu neuen Lösungen, Produkten und Kundenerlebnissen, wird langfristig Wettbewerbsvorteile aus KI ziehen. Es geht also um Chancenrealisierung (neue Umsatzquellen, Services) und nicht nur um Kostenreduktion.
These 8 – Kultur: Unternehmenskulturen müssen sich radikal wandeln – von hierarchischen Strukturen hin zu mehr Agilität, Kreativität und Resilienz
Kulturwandel als Schlüssel und Hürde: Kulturelle Faktoren entscheiden massgeblich über den KI-Erfolg – und viele Firmen tun sich hier noch schwer. 70 % der wenig KI-engagierten Schweizer Organisationen nennen menschlich-kulturelle Faktoren (nicht Technik) als Haupthindernis für KI-Integration. Es braucht also einen radikalen Wandel weg von starren Hierarchien hin zu Lern- und Anpassungsfähigkeit, damit KI-Projekte skalieren können.
Agilität und flache Hierarchien gefragt: Eine aktuelle Umfrage unter Schweizer Fach- und Führungskräften ergab, dass 43,8 % sich ausdrücklich agilere Führung wünschen und 40,6 % den Abbau von Hierarchien fordern. Insgesamt sehen über 71 % der Beschäftigten erhebliches Verbesserungspotenzial in der Unternehmenskultur. Das zeigt: Mitarbeitende verlangen mehr Eigenverantwortung, schnellere Entscheidungen und kreative Freiräume als Grundlage, um mit KI-Tempo und -Unsicherheit umgehen zu können.
Vom bürokratischen zum dynamischen Unternehmen: Noch empfinden 59,5 % ihr Unternehmen als bürokratisch und nur 27 % als wirklich agil und schnell. Doch der Trend geht klar Richtung Agilität: In Führungsetagen der Schweiz hat sich der Einsatz agiler Methoden binnen kurzer Zeit verdreifacht (von 4,4 % auf 13,1 %). Diese Entwicklung hin zu cross-funktionaler Zusammenarbeit, experimentierfreundlicher Haltung und resilienten Strukturen ist zwingend notwendig, damit Firmen die KI-Transformation bewältigen und innovativ bleiben.
These 9 – Führung: Die Rolle von Führungskräften verändert sich grundlegend – von Kontrolle hin zu Coaching, Orientierung und Vertrauen
Vertrauen statt Mikromanagement: Moderne Mitarbeitende wollen Führung auf Augenhöhe. Laut einer Haufe-Studie 2025 erwarten Fachkräfte von ihrer Chefetage vor allem Vertrauen & Freiheit (statt Kontrollwut) sowie persönliche Weiterentwicklung durch Förderung. Starres Micromanagement und Autoritätsdenken haben ausgedient. Die Zeiten von autoritärer Top-down-Führung sind vorbei, braucht es doch „Beziehung statt Kontrolle, Coaching statt Commanding, Inspiration statt Instruktion. Effektive Führung im KI-Zeitalter heisst also, Teams zu coachen, Orientierung zu geben und Vertrauen zu schaffen.
Loslassen können: „Wer führen will, muss loslassen können“, bringt es ein Leadership-Bericht für 2025 auf den Punkt. Präsenzpflicht, enge Kontrolle und Hierarchie als Autoritätssymbole funktionieren zunehmend nicht mehr. Stattdessen müssen Führungskräfte Ergebnisse und Lernen in den Vordergrund stellen. Psychologische Sicherheit im Team, Raum für eigenverantwortliches Arbeiten und Fehlertoleranz werden zur Basis, um mit KI-unterstützten, flexiblen Arbeitsprozessen erfolgreich zu sein.
Leader als Coach und Vorbild: Mitarbeitende verlangen von Führungskräften heute Empathie, Feedback-Kultur und Werteorientierung. In Umfragen wünschen sie sich ~Feedback & Dialog auf Augenhöhe, Vorbildfunktion statt blosse Weisungsbefugnis und Flexibilität & Respekt. Das Rollenbild wandelt sich hin zum Coach, der Mitarbeitenden hilft, sich laufend weiterzuentwickeln (gerade im Umgang mit KI), und der ein Klima des Vertrauens schafft. Diese „menschliche Führung“ fördert Motivation, bindet Talente und macht Unternehmen resilienter – unerlässlich in einer Zeit permanenter Veränderungen.
These 10 – Verteilung: KI zentralisiert die Wertschöpfung. Die faire Verteilung der Wertschöpfung wird zur wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderung
Konzentration der Gewinne: International schlagen Organisationen Alarm, dass die Wertschöpfung durch KI extrem ungleich verteilt sein könnte. Laut UNCTAD konzentrieren sich die „Segnungen der KI“ in den Händen weniger – gerade einmal ~100 Unternehmen (meist in USA/China) stemmen 40 % der globalen KI-F&E im Unternehmenssektor. Tech-Giganten wie Apple oder Microsoft erreichen heute Börsenwerte grösser als ganze Kontinente. Diese Dominanz birgt die Gefahr, dass wenige Konzerne den Grossteil des KI-Nutzens abschöpfen, während der Rest – insbesondere Entwicklungsländer – abgehängt wird.
Schere Arm-Reich droht weiter aufzugehen: KI könnte existierende Ungleichheiten verschärfen. UN-Generalsekretärin Rebeca Grynspan warnt eindringlich: Ohne Gegensteuern macht KI die Gräben zwischen Arm und Reich noch tiefer. Die UN fordert ein Umdenken und ein globales KI-Regelwerk, das Menschen in den Mittelpunkt stellt, damit die KI-Wertschöpfung nicht nur dem Kapital oder einigen Ländern zugutekommt. Aktuell sind z.B. 118 Länder gar nicht in KI-Governance-Gremien vertreten – ihnen droht, von der KI-Wirtschaft komplett ausgeschlossen zu bleiben.
Kapital vs. Arbeit: Erste Trends zeigen, dass KI-Produktivitätsgewinne vor allem den Kapitaleignern zufliessen, während Arbeitskräfte unter Druck geraten. Die Vorteile der KI-gesteuerten Automatisierung scheinen primär dem Kapital zugutezukommen, während menschliche Arbeitskraft an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Bis zu 40 % aller Jobs weltweit könnten durch KI beeinflusst werden, wobei ohne Ausgleich einfache Tätigkeiten und Schwellenländer besonders verlieren. Die grosse Herausforderung wird sein, politische und unternehmerische Lösungen zu finden (etwa Bildungsinitiativen, neue Verteilungsmodelle wie z.B. Daten-Dividenden oder Upskilling-Programme), um die KI-Wertschöpfung breiter und fairer zu verteilen.
These 11 - Gesellschaft: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen noch stärker, was neue Fragen zu Gesundheit, Sinn und sozialem Zusammenhalt aufwirft
Entgrenzung durch Homeoffice & KI: Flexible Arbeitsmodelle und ständige Erreichbarkeit verstärken das Verwischen von Arbeits- und Freizeit. In der Schweiz arbeiten 2024 bereits ~90 % der Berufstätigen regelmässig im Homeoffice (2019: 30 %). Gewerkschaften fordern daher eine Anpassung des Arbeitsgesetzes an diese Realität. „Der Entgrenzung der Arbeit müssen gewisse Grenzen gesetzt werden“, mahnt Ursula Häfliger von Angestellte Schweiz aus Sorge um die Gesundheit der Beschäftigten. Konkret verlangen Arbeitnehmende feste Offline-Zeiten: Klare Phasen der Nichterreichbarkeit gelten laut Umfragen als entscheidend für Erholung und Work-Life-Balance.
Stress und mentale Gesundheit: Mit KI-Tools besteht die Gefahr, dass der Arbeitsdruck (z.B. durch ständige AI-Assistenz oder Erwartung höherer Output) steigt. 60 % der Beschäftigten fürchten, die Arbeit mit generativer KI könnte zu mehr Stress und Burnout führen. Führungskräfte unterschätzen dieses Problem teils – nur 37 % der CXOs halten KI-bedingten Mitarbeitenden-Stress für realistisch. Die psychische Gesundheit wird somit zu einem zentralen Thema: Unternehmen müssen Leitlinien entwickeln, damit 24/7-Assistenzsysteme und mobiles Arbeiten nicht zu Überlastung führen. Gesundheitsmanagement (Stressprävention, digitale Achtsamkeit) gewinnt weiter an Bedeutung.
Sinn und sozialer Zusammenhalt: Wenn KI Routinearbeiten übernimmt, rückt die Frage nach dem Sinn der menschlichen Arbeit stärker in den Fokus. Beschäftigte möchten vermehrt eine sinnstiftende Rolle einnehmen – z.B. kreativ, interaktiv oder strategisch – anstatt nur maschinenkompatible Aufgaben zu erfüllen. Gleichzeitig könnten steigende Ungleichheiten durch KI sozialen Sprengstoff bergen (Stichwort „digital divide“). Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird davon abhängen, ob es gelingt, Weiterbildung und Umschulung breit verfügbar zu machen (damit niemand abgehängt wird) und ob neue Arbeitszeitmodelle oder vielleicht ein KI-bedingtes Grundeinkommen diskutiert werden. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit neu auszutarieren, ohne Sinnverlust und Vereinsamung zu riskieren, wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
These 12 – Bildung: Bildung und lebenslanges Lernen müssen sich rasch verändern, um die Entwicklung abzufedern
Massiver Upskilling-Bedarf: Die Anforderungen ändern sich so schnell wie nie – entsprechend müssen Qualifikationen ständig erneuert werden. Laut WEF rechnen 39 % der Arbeitgebenden damit, dass sich bis 2030 die Kernfähigkeiten ihrer Jobs deutlich verändern, und 59 % der Arbeitnehmenden werden voraussichtlich Umschulungen absolvieren müssen. Über die Hälfte aller Beschäftigten wird sich in neue Rollen hineinbewegen (wegfallende zu wachsenden Berufen). Ohne eine rasche Neuausrichtung der Bildungssysteme (von Schule bis Weiterbildung) droht eine Qualifikationslücke.
Weiterbildungslücke in Unternehmen: Die Bereitschaft der Belegschaft zu lernen ist enorm, doch das Angebot hinkt hinterher. 94 % der Arbeitnehmenden sind bereit, KI-Kompetenzen zu erlernen – aber nur 5 % der Unternehmen bieten in grossem Umfang KI-Schulungen an. In der Schweiz nehmen zwar 61 % der Angestellten Weiterbildungsangebote wahr (europaweit Spitze), doch zufrieden mit diesen Angeboten sind lediglich 28 %. Hier müssen Unternehmen und Bildungsträger schneller reagieren: von kontinuierlichen On-the-Job-Trainings über Micro-Degrees bis hin zu staatlich geförderten Upskilling-Programmen.
Fokus auf Führung und Digital Literacy: Nicht nur Fachkräfte, auch Führungspersonen brauchen Fortbildung im KI-Zeitalter. Studien zeigen: In Firmen, die KI noch kaum nutzen, ist das KI-Verständnis im Top-Management deutlich geringer, Weiterbildung der Führungskräfte hat unmittelbare Priorität. Zudem gilt es, breiten Bevölkerungsschichten digitale Grund- und KI-Kompetenzen zu vermitteln (Stichwort „AI Literacy“), um die technologische Entwicklung gesellschaftlich abzufedern. Politik und Wirtschaft sind hier gefordert, Bildungskonzepte rasch anzupassen – vom Schulcurriculum (mehr Informatik/KI) bis zur kostenlosen Weiterbildungsplattform für Erwachsene.
These 13 – Ethik: Der Umgang mit Bias, Transparenz und Fairness wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für den Einsatz von KI in der Arbeitswelt
Ethik als Grundpfeiler: Unternehmen erkennen, dass vertrauenswürdige KI-Anwendungen ein Muss sind. 70 % der Schweizer Organisationen berücksichtigen mittlerweile ethische Überlegungen in ihren KI-Entscheidungen. Doch es bleibt Nachholbedarf in der Umsetzung: Nur 53 % ergreifen wenigstens gelegentlich konkrete Massnahmen, um Verzerrungen (Bias) zu erkennen und abzumildern. Künftig wird der Markterfolg von KI-Lösungen entscheidend davon abhängen, ob sie fair (ohne Diskriminierung), transparent (erklärbar) und verantwortungsvoll eingesetzt werden.
Governance und Vertrauen: Branchenübergreifend gilt: Effective AI governance ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg. Führende Köpfe auf dem WEF 2025 betonten die Wichtigkeit von Richtlinien und Aufsicht, um KI sicher, sicherheitsorientiert und ethisch ausgerichtet zu gestalten. Nur mit klaren Regeln zu Datenqualität, Erklärbarkeit und Verantwortung kann das Vertrauen der Belegschaften gewonnen werden, KI im Arbeitsalltag zu akzeptieren. Ethik- und KI-Richtlinien (z.B. interne Ethikkomitees, externe Audits) avancieren somit von der Kür zur Pflicht.
„Responsible AI“ als Wettbewerbsvorteil: Unternehmen, die KI verantwortungsvoll skalieren, schaffen einen Vertrauensbonus bei Mitarbeitenden und Kunden. „Erfolg beginnt mit Führungskräften, die bereit sind, KI verantwortungsvoll zu skalieren, Mehrwert zu schaffen und dafür sorgen, dass die Arbeit für alle besser wird“, sagt Shirley Sheffer von Accenture. Die Kernfrage muss lauten: Werden die Menschen durch den KI-Einsatz besser gestellt? Firmen, die Bias, Datenschutz und Fairness proaktiv managen, werden langfristig die engagierteren Mitarbeitenden und loyaleren Kunden haben – ein klarer Erfolgsfaktor im Wettbewerb.
These 14 – Regulierung: Um Innovation zu fördern, braucht es mehr Sicherheit durch geeignete Regularien
Schweizer Ansatz – Balance von Schutz und Innovation: Im Februar 2025 hat der Bundesrat die Weichen für eine KI-Regulierung gestellt, die sowohl Grundrechte schützt als auch Innovation nicht abwürgt. Statt eines Pauschal-KI-Gesetzes setzt die Regierung auf einen sektoriellen Ansatz und ratifiziert die Europarats-Konvention zu KI. Digitalswitzerland begrüsst diesen pragmatischen Mittelweg, der „den Schutz der Grundrechte sichert, gleichzeitig aber Innovation und wirtschaftliche Entwicklung nicht behindert.“. Eine zu starre Regulierung würde Fortschritt bremsen – entsprechend betont Geschäftsleiterin Franziska Barmettler: „Eine starre Regulierung könnte Innovationen ausbremsen. Der Bundesrat hat einen klugen Mittelweg gewählt.“.
Klare Leitplanken für Vertrauen: Geeignete Regularien schaffen Rechtssicherheit und Vertrauen, was wiederum Innovation begünstigt. Bis Ende 2026 sollen in der Schweiz nun branchenspezifische KI-Vorgaben konkretisiert werden, damit Unternehmen klare Leitlinien haben. Themen wie Datenschutz, Transparenz und internationale Wettbewerbsfähigkeit müssen dabei geklärt werden. Nur wenn Entwickler und Anwender sich in einem verlässlichen Rahmen bewegen – wissen, was erlaubt ist und wofür sie haften –, trauen sie sich, voll in KI-Innovationen zu investieren. Regulierung dient hier als Enabler, nicht als Verhinderer.
Internationaler Schulterschluss: Auch global wird mehr Regulierung als Innovationsförderer gesehen – unter der Prämisse, dass sie harmonisiert ist. Die UN fordert ein internationales KI-Rahmenwerk, um die Technologie weltweit sicher nutzbar zu machen. Für kleinere Länder wie die Schweiz ist Anschlussfähigkeit wichtig: Durch die Europarats-Konvention und Orientierung an EU-Standards will man Kompatibilität sicherstellen. So entsteht „Safety by regulation“, die verhindert, dass Wildwuchs oder Skandale das öffentliche Vertrauen zerstören – was langfristig die Innovationskraft stärken dürfte.
These 15 – Wettbewerb: Die aktuellen Wettbewerbsfaktoren der Wissensökonomie verändern sich grundlegend im Zeitalter der Intelligenz
KI-Fähigkeiten als neuer Wettbewerbsmassstab: Im Zeitalter von KI zählen andere Faktoren als zuvor. Bildung und Wissen bleiben wichtig, aber der Vorsprung wird über KI-Kompetenzen und Datenkompetenz entschieden. Die Schweiz konnte z.B. ihren Spitzenplatz im Global Skills Index 2025 nur halten, weil sie in Business, Data Science und KI-Fähigkeiten weltweit führend ist. Erstmals gibt es auch einen AI Maturity Index, in dem die Schweiz Platz 3 belegt. Dies zeigt: Nationen und Unternehmen messen sich künftig daran, wie reif sie im KI-Einsatz sind, klassische Faktoren der Wissensökonomie (wie rein formale Bildungsabschlüsse) treten demgegenüber zurück.
Skaleneffekte & Daten dominieren: KI führt zu Winner-takes-all-Effekten in vielen Märkten. Daten, Rechenleistung und Algorithmen-Superiorität werden zu strategischen Ressourcen. Nur ~100 KI-Unternehmen (Big Tech) stemmen bereits 40 % der globalen FuE – wer Zugriff auf grosse Datenmengen und KI-Talent hat, setzt den Takt. Wettbewerbsfaktoren wie Plattform-Ökosysteme, proprietäre KI-Modelle und Cloud-Infrastruktur prägen die „Intelligenzökonomie“. Kleinere Akteure müssen sich Nischen suchen oder via Kollaboration Anschluss halten. Für die Schweiz bedeutet das, dass neben traditioneller Innovationskraft auch der Zugang zu Daten und internationalen KI-Netzwerken über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Tempo und Talent als Wettbewerbsvorteil: Die Fähigkeit, sich rasch anzupassen und Mitarbeitende umzuschulen, wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. 66 % der Schweizer Unternehmen sehen heute Fachkräfte- und Skillmangel als grösstes Transformationshindernis – noch stärker als im globalen Schnitt. „Die Anforderungen ändern sich schneller als je zuvor, unsere Leute müssen mehr denn je umgeschult werden“, betont Bas Puts von Siemens. Unternehmen, die eine Kultur des lebenslangen Lernens etablieren und KI-Kompetenzen schnell aufbauen, werden im „Age of Intelligence“ die Nase vorn haben. Die klassischen Faktoren der Wissensökonomie – Humankapital und Innovation – bleiben wichtig, verändern aber ihre Ausprägung: Nicht das beste statische Wissen gewinnt, sondern die höchste Lernagilität, nicht die grösste Hierarchie, sondern das flexibelste Netzwerk. KI transformiert damit grundlegend, wie Wettbewerbsvorteile entstehen und verteidigt werden.